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samedi, 19. août 2017

Die Welt der Rarámuri-Indianer

Die Tarahumara, die sich selbst Rarámuri nennen, sind eine uto-aztekische Indianer­gruppe im Süd­westen des mexika­nischen Bundes­staates Chihuahua mit geschätzt 50.000 Angehörigen. Die Rarámuri sind nahe Verwandte der Yaqui- und der Mayo-Indianer des mittleren und nörd­lichen Mexikos. Geo­politisch befinden sich die Tarahumara in den Land­kreisen Guachochi, San Rafael, Carichi, Turuachi und Guerrero im Bundes­staat Chihuahua. Die Rarámuri-Sprache ist hochentwickelt und wird von der gesamten Tarahumara­bevölkerung gesprochen.

Jenes Volk, das vor ca. 15.000-20.000 Jahren über die Behring-Straße von Asien auf den amerika­nischen Kontinent kam, bestand aus Jägern und Sammlern mongolischer Herkunft. Beginnend mit dem ersten Jahr­hundert nach Christus, mischten sich die Rarámuri mit den Azteken und wurden sess­haft. Heute leben mehr als 50.000 Rarámuri, einer der ursprüng­lichsten Indianer­stämme Mexikos, in den gewaltigen Kupfer­schluchten.

Die Rarámuri sind Bauern, Viehhalter, Jäger und Sammler. Im Zentrum der weilerartigen Höfe – den rancherias – liegen die ein­räumigen Holz- und Lehm­häuser der Groß­familie sowie kleinere Vorrats­gebäude. Die rancheria ist mit Schatten spendenden Obst­bäumen umwachsen – zumeist Apfel-, Pflaumen- und Pfirsich­bäume. Im Anschluss daran folgen die feuer­gerodeten Felder, auf denen Mais, Bohnen und Kürbisse ange­baut werden. Die Höfe befinden sich meist in Ruf­weite zuein­ander und in der Nähe von fließendem Wasser. Die verstreut in den zer­klüfteten Schluchten liegenden rancherias organisieren sich in losen comunidades (Gemeinden), denen ein demo­kratisch gewählter Gouver­neur vorsteht. Dieser wird gleich­berechtigt von Frauen und Männern gewählt und ist für die Organi­sation sowie für die Lösung von Stammes­streitig­keiten zuständig.
Die Rarámuri züchten zumeist Rinder und Ziegen – ein Zeichen von Reich­tum und wirt­schaft­licher Sicher­heit unter den Stammes­angehörigen. Im späten Frühling, einer Periode stetiger Nahrungs­engpässe zwischen dem Ende der Trocken­zeit und dem Beginn des agrarischen Zyklus’, ergänzen viele Rarámuri ihre Ernährung mit Samen, Wurzeln und Nage­tieren sowie der Vitamin-C-reichen Larve des Madron-Schmetter­lings. Soweit ausreichend Nahrung zur Ver­fügung steht, gilt die Ernährung der Rarámuri als äußerst gesund und ausgeglichen.

Die Mythologie der Rarámuri vermischt heidnische und christ­liche Elemente, so dass Kultur und Religion heute aus einer Mischung von kolonial­spanischen sowie voreuro­päischen Traditionen dominiert werden. Als wichtigster Teil des spiri­tuellen Lebens finden mehrmals im Jahr Wett­läufe statt, die sich über mehrere Tage und Nächte hinziehen. Von den Teil­nehmern werden oftmals Strecken von über 200 km durch die zerklüfteten Hoch­ebenen und unzu­gänglichen Schluchten zurück­gelegt, wobei die Läufer (Frauen wie Männer) einen hölzernen Ball in der Größe einer Orange vor sich herkicken. Deshalb werden die Indianer von den Mexikanern auch oftmals Tarahumara genannt, was in der Sprache der Rarámuri Fuß-Läufer bedeutet. Während der Nacht wird der Weg von anderen Läufern mit Fackeln beleuchtet. Jedes Rennen wird von einem Fest begleitet, auf dem große Mengen Mais­bier (tesgüino) konsumiert werden, das die sonst sehr schüchternen Rarámuri für soziale Kontakte zugäng­licher macht.

Reichtum und Ansehen einer Großfamilie sowie der persönliche Erfolg des Einzelnen begründen sich in der Fähig­keit, den erwirt­schaf­teten Über­schuss an Nahrungs­mitteln mit anderen zu teilen. Respekt gegenüber anderen Mitmenschen ist von größter Wichtig­keit für die Rarámuri. Selbst bei einer größeren Versammlung ist es ein Zeichen der guten Sitte, jeden Anwesenden mit Hand­schlag zu begrüßen.
Die Kinder der Rarámuri wachsen sehr frei auf und werden früh zur Selb­ständig­keit erzogen. Oft bekommen sie im Alter von vier Jahren eine Ziege geschenkt, deren Versorgung einzig in ihrem Verant­wortungs­bereich liegt. Mit 14 bzw. 15 Jahren werden sie als voll­wertige Erwachsene angesehen und nehmen ihren Platz in der Gesellschaft ein.

Rarámuri sind vorzügliche Handwerker, die insbesondere beim Töpfern, Weben und Korb­flechten wahre Meister­werke hervor­bringen. Die Fein­flecht­arbeiten der Frauen aus Kiefern­nadeln und Rauschopf-Agaven finden weltweit Anerkennung.
Die traditionelle Kleidung der Rarámuri-Männer besteht aus weißen Bein­tüchern, die von einer bunten Schärpe gehalten werden, weit­ärmeligen Hemden, Kopf­bändern, und zusätz­lichen Decken bei Kälte. Die Frauen tragen dem­gegenüber meist farben­frohe Baum­woll­röcke sowie weite Schärpen, Blusen, Ponchos und Kopf­tücher. Zum Tragen der Kinder und zum Transport von Lasten werden große Umhänge­tücher genutzt.

Die Kultur der Rarámuri kann nur durch den Blick auf ihre Geschichte ver­standen werden, die ihr Leben, ihre Gewohn­heiten und Lebens­räume maß­geblich mit­bestimmt hat. Zusammen mit den Spaniern kamen 1598 die Jesuiten mit Pater Juan Fonte erst­malig in die Region der Rarámuri. Während die Spanier nach Gold und Silber forschten, ging es den Patres um die Missio­nierung. 1630 wurde San Gabriel als erste Mission in dieser Region gegründet – 27 weitere folgten. Die Kolonial­herren verdrängten die Rarámuri vom besten Weide­land und den ertrag­reichen Feldern. Im 17. Jahr­hundert fand die Christiani­sierung statt, die von zwei Rebellionen im Jahre 1648 und 1690 kurz­zeitig unter­brochen wurde. Die Aufstände wurden blutig nieder­geschlagen, was das Verhalten der Rarámuri gegenüber den weißen Eroberern grund­legend veränderte. Viele Rarámuri flüchteten in immer entferntere und schwer zugäng­liche Bereiche der Kupfer­schluchten, um in Frieden zu leben. Andere ergaben sich ihrem Schicksal, arbeiteten in den Minen und leisteten nur noch passiven Wider­stand.
Aber weder Flucht noch Wider­stand konnten den Einfluss der west­lichen Kultur im Laufe der Jahr­hunderte verhindern. Heute nutzen die Rarámuri verbesserte land­wirt­schaft­liche Methoden und neue Bau­techniken; sie züchten Schafe, Ochsen, Kühe und Pferde; sie nehmen staatliche sowie kirch­liche Einrich­tungen in Anspruch. Im Spannungs­feld zwischen Entwicklung und Tradition steht zu befürchten, dass die Rarámuri immer mehr von ihrem traditio­nellen Leben verlieren.

Große Teile der Kupferschluchten sind auch heute noch uner­gründetes Land. Es gibt kaum Straßen, wenige Schulen und nur eine minima­listische Gesundheits­versorgung. Neben staat­lichen Stellen und unab­hängigen Hilfs­organi­sationen engagieren sich die Jesuiten weiterhin sehr stark in dieser Region. Ziel der gemein­samen Anstrengungen ist es, das Leben der Menschen in den Kupfer­schluchten zu verbessern. So wurden Kranken­häuser errichtet und viele Projekte ins Leben gerufen. Die Helfer unter­stützen die Indianer bei Trink­wasser-Bohrungen, organisieren Medika­mente und ärzt­liche Unter­suchungen, helfen bei der Entwicklung von neuen land­wirt­schaft­lichen Methoden und wirken gleich­zeitig als fahrende Ärzte, Lehrer und Priester. Es bleibt somit das hoch­gesteckte Ziel, die Infrastruktur in den Kupfer­schluchten zu verbessern und hierbei die Natur sowie insbesondere die Identität der Rarámuri zu bewahren.